*Transparenzhinweis: Dieser Beitrag wurde nach seiner ursprünglichen Veröffentlichung überarbeitet. Auf Wunsch einer im Artikel vorkommenden Person wurden alle personenbezogenen Informationen sowie ein Interview entfernt, um ihre Privatsphäre zu schützen. Die inhaltlichen Aussagen des Beitrags bleiben davon unberührt.
Rente gleich Ruhestand? Von wegen. Immer mehr Menschen in Deutschland können sich im Alter kaum noch ein Leben leisten – geschweige denn ein gutes. Altersarmut ist längst mitten in der Gesellschaft angekommen. Wer besonders betroffen ist und ob es Wege aus der Krise gibt, liest du hier.
Ratsch. Noch befindet sich das Anschreiben der Deutschen Rentenversicherung sicher verstaut in seinem Briefumschlag. Dort kann es mir nichts tun. Vielleicht nehme ich den Rentenbescheid dieses Jahr einfach gar nicht aus dem Umschlag und sehe erst im nächsten wieder nach. Oder im übernächsten.
"Ab dem 27. Geburtstag erhalten Sie Jahr für Jahr von uns Ihre persönliche Renteninformation mit dem aktuellen Stand Ihrer erworbenen Rentenansprüche. Außerdem finden Sie darin eine Hochrechnung über den Betrag Ihrer voraussichtlichen Altersrente sowie die Rentenansprüche bei einer möglichen Erwerbsminderung."
Aber vielleicht geht es dir wie mir, und du hast viele Jahre gar nicht mal so viel in die Rentenkasse eingezahlt, da du schlicht nicht sehr viel verdient hast. Und diese “Hochrechnung über den Betrag deiner voraussichtlichen Altersrente” fällt daher eher düster aus.
Politiker*innen entscheiden mit ihrer Arbeit über unser Geld – und wir haben uns daher gefragt:
Vielleicht hast du auch Kinder und musstest zwischendurch eine Pause für unbezahlte Sorgearbeit einlegen, oder in Teilzeit arbeiten, oder beides.
Womöglich kannst du auch bereits vor deinem 67. Lebensjahr schon nicht mehr so viel arbeiten, wie du gerne würdest, weil du krank geworden bist, oder einen (Arbeits-)Unfall hattest. Vielleicht sogar überhaupt nicht mehr.
Gründe, weshalb einen die Vorstellung, alt zu werden, gruselt, gibt es reichlich. Zum Beispiel die folgenden beiden:
Ich werde nicht von der gesetzlichen Rente leben können, wenn ich alt bin.
Der Niedriglohnsektor wächst, das Rentenniveau sinkt. Denn die gesetzliche Rente basiert auf einem Umlagesystem, das heute nicht mehr funktioniert. Die Generation der sogenannten Baby Boomer nämlich hat selbst nicht mehr so viele Kinder bekommen – Tendenz bis heute fallend.
Noch bis in die 90er trug sich das Konzept Generationenvertrag gut, im Verhältnis haben damals viele Beitragszahlende wenige Renten finanziert. Bis heute hat sich dieses Verhältnis in sein Gegenteil verkehrt: Kamen 1962 in Westdeutschland auf eine*n Rentner*in noch sechs Beitragszahlende, so sind es heute nur noch rund zwei. Hinzu kommt: Menschen werden heute im Schnitt viel älter, beziehen also länger Rente als früher.
So warnte dann Ende August auch die Chefin der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, vor einem Kollaps des Renten- und Pflegesystems: "Wir müssen uns auf jeden Fall mit den Sozialversicherungen beschäftigen. Die sind nicht zukunftsfest", sagte Schnitzer dem RedaktionsNetzwerk Deutschland(RND).
Vorhang auf für Carsten Linnemann, Generalsekretär der CDU: Dann müssten Rentner*innen eben einfach mehr arbeiten. Oder? Dazu passt auch sehr gut ein aktuelles Lieblingsvorhaben der Union: Mit der sogenannten Aktivrente könnten Rentner*innen zusätzlich bis zu 2.000 Euro im Monat steuerfrei dazuverdienen. Wenn sie denn wollen – denn darum geht es schließlich: um Leistungsbereitschaft, beziehungsweise darum, wer sie (angeblich) besitzt und wer (angeblich) nicht.
Was dann mit denjenigen ist, die gar nicht länger arbeiten können, weil sie körperlich oder mental nicht mehr in der Lage dazu sind – generell, oder weil sie in einem körperlich herausfordernden Beruf arbeiten – diese Frage steht wohl auf einem anderen Blatt. Und wahrscheinlich auch die der Altersdiskriminierung, denn häufig finden Menschen ja schon zehn Jahre vor der Verrentung keine passenden Jobs mehr.
Was, wenn ich mich nicht mehr selbst versorgen – und mir gute Pflege nicht leisten kann?
Wer in ein Pflegeheim umziehen muss, hat mittlerweile mit horrenden Kosten zu rechnen: In diesem Jahr liegt der monatliche Eigenanteil für stationäre Pflege im ersten Jahr (im bundesweiten Durchschnitt) erstmalig bei über 3.000 Euro – das sind satte 237 Euro mehr als zum 1. Juli 2024.
Nun hat eine Arbeitsgruppe unter Leitung von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) Reformvorschläge vorgelegt. Immerhin: Die von vielen gefürchtete Abschaffung des Pflegegrads 1 kommt nicht.
Ganz schön schaurig, solche Aussichten? Und für einige Menschen sieht es dabei sogar noch düsterer aus als für andere, wenn wir über (drohende) Altersarmut sprechen.
Frauen – denn Altersarmut ist in Deutschland oft weiblich
Frauen sehen sich im Alter einem stark erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt, und das liegt vor allem an ihren geringeren Renten. Vom Gender Pay Gap hast du bestimmt schon mal gehört – der sogenannte Gender Pension Gap ist das Gegenstück dazu für die Zeit nach der Erwerbsarbeit, nämlich das geschlechterspezifische Gefälle bei den Alterseinkünften. Und der lag für Frauen ohne Hinterbliebenenrente im Jahr 2024 bei rund 37 Prozent. Frauen haben durchschnittlich also weit über ein Drittel weniger Alterseinkünfte als Männer.
Teilzeit, Sorgearbeit, Gender Pay Gap – das alles führt am Lebensabend zu weniger Rente. Ein besonders schwieriges Beispiel sind dabei alleinerziehende Mütter, denn die sind gleich doppelt armutsgefährdet. Anke ist eine von ihnen. Im Video erzählt unser Crowdhörnchen aus dem Saarland, was nach der Trennung von ihrem Mann passierte: Mit ihm hatte sie nach dem "klassischen Modell" gelebt, er das Geld verdient und sie sich um die beiden Kinder gekümmert. Und dann kam alles anders.
Altersarmut ist auch queer
Daneben sehen sich auch queere Menschen einer höheren Gefahr gegenüber, im Alter nicht ausreichend Geld für ein gutes Leben zu haben. Gründe dafür sind einerseits der sogenannte Queer-Pay-Gap, also Lohnunterschiede zwischen Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität (im Vergleich zu Personen),andererseits der sogenannte "Minderheitenstress". Denn unter dem leiden queere Personen in Deutschland häufig auch heute noch: Durch ihn sind sie generell armutsgefährdeter und leiden außerdem häufiger unter beispielsweise Depressionen oder Obdachlosigkeit.
Armut macht krank – und Kranksein macht arm
Auch chronische oder psychische Erkrankungen können das Einkommen negativ beeinflussen – und damit das Risiko für Altersarmut erhöhen. Während ihres Arbeitslebens haben Menschen mit psychischen oder chronischen Krankheiten häufig geringere Chancen auf stabile, gut bezahlte Jobs. Nicht selten ist darüber hinaus auch für viele ein früherer Renteneintritt unumgänglich. Und weniger Beitragsjahre bedeuten natürlich auch weniger Rente.
Das ganz Perfide daran: Armut steigert ihrerseits die Wahrscheinlichkeit chronischer Erkrankungen. Menschen mit geringerem Einkommen sind demnach in der Folge einem zusätzlich erhöhten Risiko ausgesetzt, krank – und darüber noch ärmer zu werden.
Der Weg in die Altersarmut ist barrierefrei
Menschen mit Behinderungen erleben trotz gesetzlicher Gleichstellung weiterhin große Hürden beim Zugang zum regulären Arbeitsmarkt. Viele landen in Teilzeit, Minijobs oder Niedriglohnsektoren, oft weil Arbeitgeber*innen keine barrierefreien Arbeitsplätze anbieten. In Deutschland arbeiten rund 300.000 Menschen in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Sie erhalten kein reguläres Gehalt, sondern ein "Arbeitsentgelt" (plus Sozialleistungen), das deutlich unter dem Mindestlohn liegt. Das reicht natürlich nicht aus, um eine eigenständige Rente aufzubauen. Häufig müssen zudem auch sie Jahre bis Jahrzehnte früher in Rente gehen, was die Rentenansprüche zusätzlich stark drückt.
Was uns auch schon zum nächsten Punkt bringt, denn klar – es gibt viele Menschen, die gleich mehrfach betroffen sind: Zum Beispiel queere Menschen, die zusätzlich eine Erkrankung haben – oder eben die genannten Frauen mit Migrationsgeschichte. Diese sind laut dem Regensburger Armutsbericht am stärksten von Altersarmut betroffen.
Immer mehr betroffene Menschen arbeiten deshalb im Alter trotz ihrer (kleinen) Rente weiter: Aktuell ist das jede*r achte Rentner*in. Die Zeit Doku ARMUT IM ALTER zum Beispiel beleuchtet solch eine Geschichte eindrücklich.
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Und nun – gibt es denn auch Ideen, wie man diesen Teufelskreis durchbrechen könnte? Wir wollten es genau wissen und haben deshalb Politiker*innen verschiedener Parteien bei AbgeordnetenWatch genau diese Frage gestellt. Sechs von ihnen haben uns geantwortet, ihre Antworten haben wir hier für dich verlinkt (in der Reihenfolge, in der sie uns erreichten).
Darunter befindet sich auch, ganz wichtig, die längst überfällige Ausweitung der Mütterrente: Eine notwendige, wenngleich nicht hinreichende Anerkennung unbezahlter Sorgearbeit – und immerhin ein kleiner Schritt in Richtung weniger Altersarmut bei Frauen. Nur die Finanzierung, die bleibt umstritten.
Aus anderen Parteien und Gewerkschaften hört man dagegen Forderungen nach einer grundlegenderen Veränderung des Systems. So sollten beispielsweise auch Beamt*innen, Politiker*innen und Selbstständige in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen und dabei gleichzeitig der Zugang zu Erwerbsminderungsrenten vereinfacht werden. Eine Partei ruft gar nach einer solidarischen Mindestrente von 1.400 Euro.
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Das DIW Berlin schlug dagegen im Juli eine Umverteilung light vor: Der sogenannte "Boomer Soli" wäre eine Abgabe von zehn Prozent auf alle Alterseinkünfte (also neben der gesetzlichen Rente auch Betriebs- und Privateinnahmen, Miet- und andere Vermögenserträge) oberhalb eines Freibetrags von 1.048 Euro pro Monat und Person. Eine Umverteilung von einkommensstarken auf einkommensschwache Rentner*innen, also – und damit ein möglicher Weg, das Problem nicht einfach auf jüngere Generationen abzuwälzen.
Mindestrente, Umverteilung: Da klingeln uns die Ohren. Wenn es doch nur ein Konzept gäbe, das Altersarmut – auch verdeckte – in der Form, wie wir sie heute sehen, unmöglich machte. Das Pilotprojekt Grundeinkommen fand übrigens unter anderem heraus, dass Menschen mit Grundeinkommen mehr sparen. Sie tun also genau das, was die Politik von uns allen fordert – mit dem wichtigen Unterschied, dass wir es ohne Grundeinkommen häufig einfach nicht können.
Und du? Wie geht's dir beim Gedanken ans Älterwerden? Oder beziehst du schon Rente – dann erzähl uns gern in den Kommentaren, wie du damit zurecht kommst.
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