In Schweden braucht es nur einen Namen, zwei Klicks und 39 Kronen – etwa 3,70 Euro – dann weiß man, was die Nachbar*in verdient. In Deutschland hingegen gilt auch heute oft noch: "Über Geld spricht man nicht." Zwei unterschiedliche Ansätze, die sich eigentlich ab Juni 2026 etwas angleichen sollten. Denn dann hätte hierzulande das EU-Gehaltstransparenzgesetz in Kraft treten sollen. Aber hat Transparenz eigentlich nur Vorteile?
Wer in Schweden lebt, kann schnell und unkompliziert das Gehalt anderer dort lebender Personen herausfinden. Grundlage ist das sogenannte offentlighetsprincip, das allen schwedischen Bürger*innen Einsicht in staatliche Informationen – und damit auch in Steuerdaten gewährt.
Diese einsehbaren Zahlen stammen zwar aus dem Steuerkontext und sind nicht zwingend identisch mit dem vertraglich vereinbarten Gehalt, sie erlauben aber eine Einschätzung und Orientierung: Das Einkommen jeder Person wird so ersichtlich. Das schwedische Modell ist ein System der Transparenz, das weit über das hinausgeht, was in vielen anderen Ländern üblich ist.
In den skandinavischen Ländern sind Offenheit und eben solche Transparenz ein kulturell verwurzeltes Prinzip, das auf dem sogenannten Jantelag basiert. Es ist die Überzeugung, dass niemand besser ist als jemand anderes –und sich auch nicht als solches darstellen soll. Eine Überzeugung, die in den skandinavischen Ländern Teil der Kultur ist. Prahlen gilt zwar als unangebracht, dennoch wird Ungleichheit in Schweden nicht durch Schweigen unsichtbar gemacht.
Während in Deutschland der (Glaubens-)Satz "Über Geld spricht man nicht" noch fest verwurzelt ist, ist es in Schweden also ganz normal, das Einkommen der Nachbarin, des Arbeitskollegen, der Vorgesetzten oder des Grundschullehrers zu kennen. Über Websites oder direkte Anfragen beim Skatteverket, dem schwedischen Pendant zum Finanzamt, können Steuerdaten abgefragt werden, sofern der Name der Person bekannt ist.
Die Idee dahinter ist, Transparenz als Möglichkeit zu verstehen. Auf diese Weise sollen staatliches Handeln und Steuerfairness kontrollierbar sein. Laut Umfragen nutzen hauptsächlich Männer die Lohnabfrage, meist vor Gehaltsverhandlungen oder Jobwechseln.
Melli Funk Photography
Wer spricht hier?
Carolin Johannsen schreibt als freie Reporterin über psychologische Themen aus gesellschaftlicher Perspektive. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie Sprache, soziale Strukturen und die Erfahrungen einzelner Menschen zusammenwirken. Am liebsten schreibt Carolin gegen Ungleichheit an und macht Probleme sichtbar - um so zu Veränderung beizutragen.
Studien zeigen: Transparenz kann helfen – und für Konflikte sorgen
Studien aus der arbeits- und organisationspsychologischen Forschung zeichnen ein ambivalentes Bild dazu, wie sich diese Gehaltstransparenz auf die allgemeine Zufriedenheit auswirkt. Die Organisationsforscher*innen Peter Bamberger und Elena Belogolovsky kamen 2017 zu dem Ergebnis: Wo Informationen fehlen, Gehälter geheim gehalten werden oder Regeln undurchsichtig scheinen, leidet das Gefühl von Gerechtigkeit.
Transparenz hingegen kann dieses Fairnessgefühl stärken, ebenso wie Vertrauen ins System. Allerdings nur, wenn klar ist, nach welchen Kriterien Gehälter zustande kommen. Ist das nicht der Fall, so zeigen Studien, dass Transparenz auch zu Konflikten führen kann.
Eine Studie von Arbeitspsychologin Kathrin Schnaufer zeigt beispielsweise, dass die Jobzufriedenheit dann sinkt, wenn Erwartungen durch Transparenz enttäuscht wurden – etwa, wenn Arbeitnehmer*innen nach der Offenlegung von Gehältern merken, dass sie im Vergleich weniger verdienen als gedacht. Die Arbeitszufriedenheit sinkt daraufhin, ebenso wie die Bereitschaft, sich weiter anzustrengen.
Lohnunterschied ausgleichen?
Geht bei unserer Grundeinkommensverlosung! Jeden Monat aufs Neue drehen wir am Rad: Sei dabei und erfahre selbst, wie Grundeinkommen dein Leben verändert.
Dahinter stehen psychologische Mechanismen: Die Theorie des sozialen Vergleichs geht davon aus, dass Menschen ihr Einkommen im Vergleich zu relevanten anderen Personen bewerten, also Kolleg*innen, Freund*innen und Menschen in ähnlichen Berufen oder bei ähnlichen Arbeitgeber*innen.
Transparenz erhöht die Anzahl und Genauigkeit der Vergleiche. Und somit die Möglichkeiten der persönlichen Auf- und Abwertung. Dabei ist das Ziel eigentlich ein anderes: Gehaltstransparenz soll für mehr Gerechtigkeit sorgen, indem die Möglichkeit zur Diskussion entsteht.
Mehr Transparenz auch für Deutschland
Nicht nur in Schweden, auch in Deutschland gibt es mittlerweile Bemühungen, mehr Einblick zu schaffen. Seit 2017 gilt hier das Entgelttransparenzgesetz, eingeführt zum Abbau des Gender Pay Gaps. Das Gesetz gibt Beschäftigten in Unternehmen mit mehr als 200 Mitarbeitenden das Recht, Auskunft über das durchschnittliche Gehalt einer Vergleichsgruppe des jeweils anderen Geschlechts zu verlangen.
Allerdings müssen mindestens sechs Personen der Gruppe angehören und eine vergleichbare Tätigkeit ausüben. Anders als in Schweden ist die Transparenz somit an Bedingungen geknüpft – und deutlich bürokratischer.
Ändern sollte das die neue EU-Entgelttransparenzrichtlinie, die im Juni hätte in Kraft treten müssen. Ja, wirklich müssen. Denn Deutschland brach geltendes EU-Recht, indem es die Frist verstreichen ließ.
Schwedische Verhältnisse würde die neue Richtlinie ohnehin nicht schaffen. Sie soll lediglich über neue Mindeststandards für mehr Durchblick sorgen. Aber: Arbeitgeber*innen wären verpflichtet, Gehaltsspannen bereits in Stellenausschreibungen oder spätestens vor einem Bewerbungsgespräch offenzulegen.
Verboten wären außerdem Fragen danach, wie viel jemand zuvor verdient hat. In Verträgen dürften außerdem keine Verschwiegenheitsklauseln zu Gehältern mehr stehen und es würde einfacher, Löhne von Beschäftigten des anderen Geschlechts zu erfragen.
Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten müssten Berichte zu Gehaltsunterschieden anfertigen und Abweichungen von mehr als fünf Prozent unerklärter Differenz korrigieren. Verstöße würden mit Bußgeldern sanktioniert. Das Ganze wäre also dennoch eine deutliche Verschärfung des aktuellen deutschen Entgelttransparenzgesetzes.
Der Gedanke hinter dem Konzept setzt an zwei Stellen an, an denen auch das Bedingungslose Grundeinkommen wirkt: Beide Ansätze haben das Ziel, Menschen im Erwerbsleben mehr Verhandlungsmacht zu verschaffen und zudem für materielle Sicherheit zu sorgen. Und sie ergänzen einander:
Das Grundeinkommen als stabilisierendes, existenzsicherndes Fundament, das durch mehr Transparenz in Sachen Gehälter als zusätzliches Werkzeug ergänzt wird: Wer durch ein Grundeinkommen keine Existenzsorgen hat, traut sich eher, auf Basis von öffentlich einsehbaren Zahlen ein höheres Gehalt zu verhandeln – oder sogar den Job zu wechseln.
Für viele Beschäftigte wäre es ein Schritt aus dem Nebel: Wer Zahlen kennt, tappt nicht mehr im Dunkeln. Im besten Fall entsteht so eine Debatte, von der insbesondere die zuvor Benachteiligten profitieren. Dann braucht es nur noch Mut zur Verhandlung – mit öffentlichen Zahlen als Argumentationsgrundlage.
Das könnte dir auch gefallen
Erben ist Glückssache, finanzielle Gerechtigkeit nicht
Warum eine Reform der Erbschaftsteuer eine Chance ist
Du findest gut was wir tun? Dann unterstütze uns als Crowdhörnchen – schon ab 1 Euro! Damit ermöglichst du unsere journalistische Arbeit, Forschung zum Grundeinkommen und die Verlosung. Bist du dabei?
Du findest gut was wir tun? Dann unterstütze uns als Crowdhörnchen – schon ab 1 Euro! Damit ermöglichst du unsere journalistische Arbeit, Forschung zum Grundeinkommen und die Verlosung. Bist du dabei?