Jedes Jahr werden in Deutschland hunderte Milliarden Euro vererbt – doch nur wenige profitieren wirklich davon. Während kleine Erbschaften besteuert werden, bleiben Millionenvermögen oft verschont. Warum das ungerecht ist, wie Armut vererbt wird und was eine Reform ändern könnte.
400.000 Euro kann ein Elternteil einem Kind in Deutschland aktuell schon vor dem Tod alle zehn Jahre steuerfrei vererben oder verschenken. Damit bleiben meiner Mama für diese Dekade noch genau 400.000 Euro. Die üblichen Geschenke zu Hochzeit, Geburtstag und Weihnachten sind sowieso schenkungssteuerfrei.
Meinem Papa bleiben noch 0 Euro. Leider nicht deshalb, weil er mir bereits 400.000 Euro vermacht hat, sondern weil er tot ist. Als mein Papa vor 26 Jahren starb, schlugen meine Geschwister und ich das Erbe aus, da es maximal ein paar Schulden zu erben gab.
Als ich mit 19 Jahren eine Bankausbildung begann, war es für mich selbstverständlich, Verantwortung für die Finanzen meiner Mutter zu übernehmen. Solange ich bei ihr wohnte, beteiligte ich mich mit meinem Gehalt an Miete, Einkäufen und manchmal am Kauf neuer Möbel. Stand ich finanziell gut da, konnte ich es genießen, meiner Mama endlich etwas zurückgeben zu können.
Wer spricht hier?
Isabelle Rogge hat schon als Kind erlebt, wie sich Armut auf Chancen auswirkt. Heute macht sich die freie Autorin und Dozentin für Wissenschaftskommunikation für Menschen in Armut stark. In ihrem Podcast "Halbwaisheiten" spricht sie mit bekannten und weniger bekannten Menschen über das aktuelle Zeitgeschehen, Lebensweisheiten und die eigene Verletzlichkeit. Im April erschien die 2. Staffel des Podcasts "Listen to Wissen", den Isabelle
Als ich zum Studium nach Berlin zog, schienen fast alle um mich herum wenig Geld zu haben. Doch mit der Zeit zeichnete sich ein anderes Bild ab. Einige waren gar nicht so pleite, wie sie erzählten. Mit der Familiengründung bröckelte das Poverty Cosplay (zu Deutsch etwa "inszenierte Armut") mancher, wenn sie in Eigentumswohnungen von Familienmitgliedern zogen.
Andere wohnten zu Mietpreisen, die sich aus ihren Gehältern allein nicht finanzieren ließen. Da schossen Mama und Papa noch über das Studium hinaus Kohle dazu. Start-ups ließen sich mit Einlagen der Eltern einfacher gründen. Das zeigt: Finanzielle Sorglosigkeit beruhigt und eröffnet Perspektiven.
Und dann gibt es fernab, in anderen Sphären, noch die Überreichen. Sie könnten mit ihrem Reichtum bei weitem nicht nur wohlwollend zur Zukunft der eigenen Kinder, sondern zum Gemeinwohl aller beitragen.
Wer erbt was?
Lukas Ott, Referent für Steuergerechtigkeit und Verteilung bei der Bürgerbewegung Finanzwende e.V., die sich als unabhängiges und überparteiliches Gegengewicht zur Finanzlobby versteht, erklärt:
"In Deutschland werden jedes Jahr rund 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt. Beides wird steuerlich gleichbehandelt. Etwa die Hälfte dieses Vermögens geht an die reichsten zehn Prozent, während nur rund 30 Prozent der Deutschen hierzulande überhaupt nennenswert erben. Erbschaften verfestigen so Ungleichheit über Generationen. Eine gerechte Erbschaftsteuer kann das ändern."
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Die Erbschaftsteuer könnte ein Instrument für mehr soziale Gerechtigkeit und Umverteilung sein. Nur dass die Erbschaftsteuer aktuell nicht so greift. Lukas Ott sagt: "Die deutsche Erbschaftsteuer privilegiert extrem große Vermögen: Mehr als jede zweite Erbschaft oder Schenkung über 100 Millionen Euro blieb in den letzten zehn Jahren komplett steuerfrei. Sie profitieren von Ausnahmen, die für kleinere Erbschaften nicht gelten."
Das liegt sicher zu großen Teilen daran, dass die Finanzlobby gut organisiert ist und Überreiche in Deutschland ganze Arbeit geleistet haben, sich und ihre Vermögen im Verborgenen zu halten.
Während Menschen, die Bürgergeld, Wohngeld oder BAföG in Anspruch nehmen müssen, jeden Euro offenlegen müssen, kann man nur schätzen, dass dem Staat seit mehr als 30 Jahren jährlich bis zu 10 Milliarden Euro durch Ausnahmen bei der Erbschaftsteuer entgehen. Wie kann das sein?
Lukas Ott erklärt: "Extrem große Vermögen tauchen in Steuerstatistiken und Befragungsdaten oft nicht auf. Vollständige Vermögensstatistiken fehlen. Und viele staatliche Daten, etwa zur Verschonung bei der Erbschaftsteuer, werden nicht weiter aufgeschlüsselt. Wie ungleich Vermögen und Erbschaften in Deutschland verteilt sind, lässt sich also nur schätzen."
Was wir wissen, ist, dass Vermögen zudem regional ungleich verteilt ist. Im August 2024 meldete der MDR: "Eine Auswertung von MDR Data zeigt: In den alten Bundesländern wurde 2022 pro Einwohner rund neunmal so viel steuerpflichtiges Vermögen vererbt oder verschenkt wie in den neuen Bundesländern. Im Westen profitierte nicht nur ein größerer Anteil der Bevölkerung, die Erbschaften und Schenkungen waren im Schnitt auch umfangreicher als im Osten."
Ich könnte die Mittellosigkeit meines Vaters sicherlich mit individuellen Fehlentscheidungen seines Lebens verargumentieren. Gleichzeitig ergibt diese Sinn, wenn ich betrachte, dass er als Fünfjähriger mit seiner Mutter und seinen Schwestern aus der DDR in den Westen geflohen ist. Erbschaften sind in unserer patriarchalen Gesellschaft vor allem durch männliches Vermögen, und in Deutschland zusätzlich aus den alten Bundesländern, dominiert.
Noch eine Generation früher wurde mein Großvater mütterlicherseits ebenfalls früh Halbwaise und als Teil einer deutschen Minderheit im Zweiten Weltkrieg aus der ehemaligen Tschechoslowakei vertrieben. Die Armut meiner Familie wirkte seit Generationen also nicht nur auf individueller Ebene, sondern wurde systematisch vererbt.
Die SPD entdeckt die Erbschaftsteuer wieder
Nun scheint die SPD – zum Unmut der CDU – das Thema Erbschaftsteuer wiederentdeckt zu haben und schlägt eine umfassende Reform vor:
Für Betriebsvermögen soll ein Freibetrag von 5 Millionen Euro gelten. Darüber hinaus soll es lange Stundungszeiträume geben, um Arbeitsplätze zu sichern. Das Ziel sei mehr Gerechtigkeit durch größere Beteiligungen am Gemeinwohl.
Privilegien für Betriebsvermögen
Das genannte Betriebsvermögen spielt in Deutschland eine große Rolle bei der Vermögensungleichheit. Einfach gesagt, ist Betriebsvermögen alles Wertvolle, was zu einem Unternehmen gehört. Zum Beispiel Firmengebäude, Maschinen, Bankguthaben einer Firma, Warenlager oder Beteiligungen an anderen Unternehmen.
Weil Unternehmen für die Wirtschaft relevant sind und Arbeitsplätze schaffen, haben sie besondere Privilegien. Das führt dazu, dass unter bestimmten Bedingungen aktuell 85 bis 100 Prozent steuerfrei weitergegeben werden können. Im Verhältnis ist die Belastung der Erbschaftsteuer bei solch großen Erbschaften somit geringer als bei "kleineren" oberhalb des Freibetrags.
Das Bundesverfassungsgericht hat die weitreichenden Verschonungsregeln für Betriebsvermögen bereits mehrfach kritisiert und in Teilen als verfassungswidrig eingestuft. Die Bundesregierung reagierte 2016 mit einer Reform des Erbschaftsteuerrechts. Ob die heutigen Regelungen vollständig verfassungskonform sind, ist noch nicht abschließend entschieden.
Ob die CDU will oder nicht, früher oder später wird die Erbschaftsteuer wieder auf den Debattentisch kommen. Man könnte es jetzt proaktiv angehen.
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Laut dem Report Inheritance Taxation in OECD Countries (zu Deutsch: Erbschaftsteuer in OECD-Ländern) aus dem Jahr 2021 übersteigen in Europa übrigens nur in Belgien und Frankreich die Einnahmen aus Erbschafts‑, Nachlass‑ und Schenkungssteuern mehr als ein Prozent des gesamten Steueraufkommens.
Die Autor*innen des Berichts kommen zu dem Schluss, dass es starke Gerechtigkeitsargumente für die Erbschaftsteuer (mit einer Freistellung für Erbschaften von geringem Wert) gibt. Zudem heißt es dort, "dass Erbschaftsteuern tendenziell geringere Auswirkungen auf die Ersparnisse haben als andere Steuern, die von vermögenden Steuerzahlern erhoben werden," dafür aber positive Auswirkungen auf das Arbeitskräfteangebot der Erbenden und die Spendenbereitschaft der Schenkenden.
Darüber hinaus "könnten Erbschaftsteuern zwar (je nach Ausgestaltung der Steuer) negative Auswirkungen auf die Nachfolge in Familienunternehmen haben, gleichzeitig aber auch das Risiko einer Fehlallokation von Kapital verringern.” Der Bericht zeigt auch, dass es Hinweise auf Steuerplanung und Migration unter sehr vermögenden Personen als Reaktion auf die Erbschaftsteuer gibt, dass diese Verhaltensweisen jedoch durch eine bessere Steuergestaltung weitgehend angegangen werden könnten.
Fehlallokation von Kapital bedeutet, dass finanzielle Ressourcen nicht ideal eingesetzt werden. Eine komplizierte Formulierung, die im Grunde sagt: Erb*innen sind nicht automatisch gute Unternehmer*innen. Wenn durch eine Erbschaftsteuer weniger Kapital in den Händen ungeeigneter Erben verbleibt, kann dieses Kapital wirtschaftlich produktiver eingesetzt werden.
Und was ist mit dem Einwand der möglichen Steuerflucht? Laut einer Studie von Oxfam sollten wir "Keine Angst vor Steuerflucht" haben: "Die letzte große Steuerflucht gelang der Familie Porsche: 2014 verlagerte Wolfgang Porsche seine Anteile allem Anschein nach steuerfrei nach Österreich. Die entsprechende Gesetzeslücke wurde noch im selben Jahr geschlossen. Wollte Susanne Klatten mit ihren geerbten BMW-Anteilen und ihrem aus den BMW-Dividenden gewachsenen Vermögen heute ins Ausland ziehen, müsste sie schätzungsweise 6,5 Milliarden Euro Steuern zahlen, was etwa 30 Prozent ihres geschätzten Vermögens entspricht."
Millionärssteuer als Positivbeispiel
Dass vermögende Personen nicht zwingend ins Ausland ziehen, wenn sie mehr Steuern zahlen müssen, und ihre Steuerzahlungen der Bevölkerung zu Gute kommen können, zeigt der US-Bundesstaat Massachusetts nicht beim Vermögen, sondern beim Einkommen.
Dort gilt seit 2023 eine Millionärssteuer. Sprich, Menschen, die mehr als eine Million Dollar verdienen, zahlen vier Prozent Fair-Share-Steuer. Die Steuer bringt seither zusätzliches Geld für Infrastruktur und Bildung ein. Konkret wurde damit zum Beispiel kostenloses Schulessen finanziert. Eine Fluktuation der Steuerzahlenden zeichnet sich bislang nicht ab.
Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in meinem Leben noch etwas von verschollenen Familienmitgliedern erben werde, ist relativ gering. Aber falls ihr mir etwas vererben wollt, macht euch keine Sorgen: Ich kann noch alle Freibeträge ausschöpfen und auf den Rest zahle ich gerne Steuern fürs Gemeinwohl.
Wie stehst du zum Thema Erben? Und ist die Steuer in ihrer aktuellen Form gut für die Gesellschaft oder kommt die Debatte um die Reform genau zur rechten Zeit? Erzähl es uns in den Kommentaren!
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