Mein Grundeinkommen beendet „Realistische Grundeinkommen“

Vertrauen funktioniert, staatliche Umsetzung bleibt entscheidend

Berlin, 15.04.2026

Der Verein Mein Grundeinkommen schließt das Projekt Realistische Grundeinkommen ab. Am 15. April 2026 werden die letzten fünf Realistischen Grundeinkommen und weitere 20 Utopische Grundeinkommen verlost - in Gesamthöhe von bis zu 450.000 Euro. Die regelmäßige Verlosung läuft auch danach weiter. Die bisherigen utopischen Grundeinkommen heißen künftig schlicht Grundeinkommen – und sind mit über 2.200 Gewinner*innen längst gelebte Realität. Aus der Auswertung der Daten ergibt sich: Die vertrauensbasierte Auszahlung der Realistischen Grundeinkommen wurde nicht ausgenutzt. Darüber hinaus liefert das Projekt Hinweise auf Vertrauen, staatliche Umsetzung und Umverteilung.

Die Realistischen Grundeinkommen waren der Versuch, ein mögliches staatliches Modell zur Umsetzung eines Bedingungslosen Grundeinkommens zu simulieren – inklusive Umverteilungslogik. Alle Teilnehmenden erhalten für drei Jahre zum Monatsanfang 1.200 Euro. Wer kein Einkommen hat, behält den vollen Betrag. Mit steigendem Einkommen wird ein anteiliger Betrag zurückgebucht, ab etwa 3.350 Euro netto im Monat vollständig. Insgesamt gibt es 150 Gewinner*innen des Realistischen Grundeinkommens. Nach der letzten Verlosung am kommenden Mittwoch laufen die Auszahlungen noch bis Mai 2029.

Erste zentrale Erkenntnis: Menschen nutzen das vertrauensbasierte System nicht aus. Die Teilnehmenden müssen ihr Einkommen eigenständig angeben. Dennoch gab es bei der Prüfung durch den Verein keine Unstimmigkeiten. Das zeigt: Menschen handeln verantwortungsvoll, wenn ihnen vertraut wird. Selbst in komplexen Situationen, etwa bei schwankenden Einkommen oder verzögerten Steuerbescheiden, erklärten Teilnehmende ihre Angaben transparent und nachvollziehbar. Sanktionen waren im Modell nicht vorgesehen.

Dabei stößt ein zivilgesellschaftliches Projekt an eine strukturelle Grenze. „Ein Bedingungsloses Grundeinkommen braucht ein System aus Steuern und Transfers“, sagt Miriam Witz, Projektverantwortliche bei Mein Grundeinkommen. „Unsere Auswertung zeigt: Vertrauen in Menschen funktioniert. Die offene Frage ist, wie sich dieses Vertrauen institutionell herstellen lässt – und genau hier beginnt die Rolle des Staates.“

Dass der institutionelle Rahmen, in dem ein Grundeinkommen ausgezahlt wird, entscheidend ist, zeigen auch internationale Experimente. „Im finnischen Grundeinkommensversuch ist das Vertrauen in staatliche Institutionen gestiegen. Irland führt aktuell ein Bedingungsloses Grundeinkommen für Kunstschaffende ein, weil sich die neu gewonnenen Handlungsspielräume der Künstler*innen auch wirtschaftlich auszahlen“, so Witz. Vor allem die Frage nach Vertrauen ist zentral. Denn aktuelle Studien wie das Edelman Trust Barometer 2026 zeigen, dass die Vertrauenskrise auch in Deutschland entlang von Einkommen verläuft.

Vor diesem Hintergrund hält der Verein an seiner grundlegenden Position fest: Ein politisch umgesetztes Grundeinkommen braucht eine Umverteilung von Geld innerhalb des bestehenden Systems. „Gerade mit Blick auf Künstliche Intelligenz stellt sich die Frage neu, wer von wirtschaftlicher Produktivität profitiert“, sagt Witz. „Ohne Umverteilung konzentriert sich dieser Mehrwert bei wenigen – ein Grundeinkommen kann dafür sorgen, dass er allen zugutekommt.“

Für die regelmäßige Verlosung konzentriert sich Mein Grundeinkommen e. V. künftig dennoch auf die, laut einer Umfrage unter den Verlosungsteilnehmenden, bevorzugte Variante: 1.000 Euro monatlich, unabhängig vom Einkommen, für ein Jahr. In Zukunft sollen Grundeinkommen über den Verein auch an Gruppen verlost werden, um zusätzliche Erkenntnisse zu gewinnen.

Über Mein Grundeinkommen e. V.

Mein Grundeinkommen e. V. ist ein gemeinnütziger Verein, der die Wirkung und Umsetzbarkeit des Bedingungslosen Grundeinkommens in der Praxis erforscht. Seit 2014 ermöglicht der Verein per Crowdfunding die regelmäßige Verlosung von Grundeinkommen, die Gewinnende finanziell entlasten und ihnen neue Perspektiven bieten. Bisher konnte der Verein durch die Unterstützung von Befürwortenden und Spendenden über 2.200 Grundeinkommen auszahlen. In Berlin gegründet und weiterentwickelt, ist Mein Grundeinkommen e. V. mittlerweile das größte zivilgesellschaftliche Grundeinkommen-Projekt weltweit. Zusätzlich initiiert und unterstützt der Verein wissenschaftliche Studien wie das Pilotprojekt Grundeinkommen oder den Finanzierungskonfigurator. So schafft der Verein im Diskurs um das Grundeinkommen belastbare Fakten.

Kontakt

Henrik Schulte
Presse- und Medienarbeit
Mein Grundeinkommen e.V. (gemeinnützig)
M: henrik@mein-grundeinkommen.de