"Du kannst dein Leben selbst in die Hand nehmen!" Was Motivationscoaches versprechen, leistet das Grundeinkommen ganz konkret. Denn mit einem Grundeinkommen entscheidest du selbst – das zeigt unser Pilotprojekt. Bei wem der Effekt besonders stark ist, erfährst du in diesem Artikel.
Vielleicht kennst du sie: Motivationscoaches, die in großen Hallen in viel zu teuren Wochenendseminaren Menschen dazu animieren, ihr "volles Potenzial" zu entfalten. Da steht dann jemand auf der Bühne, ruft Sätze wie "Du musst dein Leben selbst gestalten! Alles ist möglich!", und das Publikum jubelt.
Große Worte, große Bühnen, große Versprechen. Doch eine Frage bleibt meist unbeantwortet: Was brauchen wir eigentlich wirklich, um unser Leben selbst in die Hand nehmen zu können?
Mehr Freiheit im Kopf: Grundeinkommen wirkt – und wie
Im Pilotprojekt Grundeinkommen erhielten 122 Menschen für drei Jahre monatlich 1.200 Euro – ohne Gegenleistung. Das Ziel der Forscher*innen: Herausfinden, was ein Grundeinkommen mit dem Leben der Menschen macht. Was passiert, wenn finanzielle Sicherheit zur Realität wird? Wie verändert sich das eigene Lebensgefühl, Entscheidungen, der Blick in die Zukunft?
Nach drei Jahren Forschung gibt es eine zentrale Erkenntnis, die ausstrahlt: Das Gefühl von Autonomie – also selbstbestimmt über das eigene Leben entscheiden zu können – steigt deutlich. Und zwar auf eine Weise, die nachhaltiger ist als jedes Motivationscoaching.
Das hat zum Beispiel Elisabeth, Probandin der Studie, selbst erlebt. Für sie bedeutet das Grundeinkommen weniger Einschränkungen und mehr Entwicklung. Sie beschreibt dieses Gefühl so:
"Inwiefern stimmen Sie der folgenden Aussage zu? Ich habe das Gefühl, frei über mein Leben bestimmen zu können."
Diese Frage mussten die 122 Empfänger*innen des Grundeinkommens sowie die 1.580 Menschen aus der Kontrollgruppe ohne Grundeinkommen alle sechs Monate beantworten.
Und das Spannende: Schon kurz nach Beginn der Studie gab die Grundeinkommensgruppe an, sich freier zu fühlen, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Zack, gleich in der ersten Auswertungsperiode: Mehr Einfluss, mehr Autonomie!
Und: Das hielt an. Das Autonomieempfinden der Grundeinkommensgruppe lag während des gesamten Studienzeitraums durchgehend über dem der Vergleichsgruppe. Ein Effekt, der sogar sechs Monate nach dem Ende der Zahlungen noch deutlich messbar war.
Woran das liegt, das weiß Prof. Dr. Susann Fiedler, die gemeinsam mit anderen Forscher*innen die Studie durchführte. Die Psychologin erklärt es so: "Wenn Menschen jeden Monat finanzielle Sicherheit gestiftet bekommen durch ein Grundeinkommen, dann können sie sowohl darauf bauen, dass sie im nächsten Monat auch wieder abgesichert sind, als auch darauf, mehr finanzielle Ressourcen zu haben, um sich auszuleben."
Genau das erlebte auch Probandin Bianca. Sie hat am Anfang des Studienzeitraums gekündigt, ist umgezogen und hat angefangen Wirtschaftsingenieurwesen zu studieren. Bianca sagt, dass sie all diese Entscheidungen ohne Grundeinkommen nicht getroffen hätte:
Die Erfahrungen der Proband*innen und die Daten zeigen deutlich: Das Grundeinkommen schafft nicht nur kurzfristige Entlastung, sondern eröffnet neue Perspektiven. Es macht Raum für Alternativen – nicht theoretisch, sondern ganz konkret. Entscheidungen werden weniger durch äußere Zwänge bestimmt, sondern durch eigene Werte, Wünsche und Lebensziele.
Prof. Dr. Susann Fiedler bestätigt das: "Das Grundeinkommen macht einen Handlungsspielraum auf, der mir erlaubt, plötzlich Entscheidungen zu treffen, die eher auf meinen eigenen Präferenzen basieren und nicht so stark von außen gesteuert sind", erklärt die Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Wirtschaftsuniversität Wien.
Tschüss, Abhängigkeit: Nicht alle starten auf der gleichen Position
Das Pilotprojekt zeigt: Besonders stark wirkt das Grundeinkommen bei denen, die im Alltag oft zu wenig Entscheidungsspielraum haben. So erleben vor allem Frauen durch das Grundeinkommen spürbar mehr Autonomie. Ihr Gefühl, frei über das eigene Leben bestimmen zu können, steigt deutlich – stärker als bei den Männern in der Studie.
Kein Wunder. Denn viele Frauen erleben auch heute noch wirtschaftliche und soziale Abhängigkeiten. Sei es durch ungleiche Bezahlung, weniger Vermögen oder unbezahlte Sorgearbeit. Entscheidungen sind dann oft durch äußere Zwänge geprägt – nicht von innen heraus: "Frauen empfinden typischerweise weniger Autonomie als Männer. Nicht nur wegen gesellschaftlicher Erwartungen, sondern auch, weil ihnen oft der finanzielle Rückhalt fehlt", weiß Prof. Dr. Susann Fiedler.
Das Grundeinkommen verändert das. Es schafft Raum für eigene Wege – unabhängig von Rollenerwartungen oder finanziellen Zwängen. Es schließt Lücken, wo vorher Abhängigkeiten waren. Studienteilnehmerin Sarah, die während des Studienzeitraums Mutter wurde, spürt diesen Unterschied. "Diese Freiheit, die ich habe – die haben viele nicht", sagt sie.
Was sich aus diesem Ergebnis außerdem ableiten lässt: Es gibt in unserer Gesellschaft sehr wahrscheinlich auch noch andere Gruppen, bei denen die Effekte eines Grundeinkommens auf Autonomie vielleicht sogar noch viel größer sind.
Dann würde das Grundeinkommen dort wirken, wo Menschen ansonsten durch systemische Hürden eingeschränkt sind – durch Armut, Rassismus, Sexismus, Ableismus oder andere Formen von Ausgrenzung. Wo Strukturen den Handlungsspielraum klein halten, schafft finanzielle Sicherheit neue Möglichkeiten. Nicht nur für Einzelne – sondern für viele.
Über den Studienverlauf hinweg zeigt sich: Studienteilnehmer*innen mit Grundeinkommen haben das Gefühl, mehr Zeit zu haben.
Zeit für das, was wirklich zählt
Kommen wir an dieser Stelle zurück zu den Motivationscoaches. Eine konkrete Empfehlung hört man auf der großen Bühne immer wieder: Um 5 Uhr aufstehen! Wenn du zum sogenannten “5 AM Club” gehörst, dann gehört dir die Welt. Du bist der Welt „einen Schritt voraus“, oder so. Hast eben mehr Zeit. Und auch hier sagen die Daten: Das Grundeinkommen setzt das auf ganz eigene Weise konkret um.
Die Ergebnisse der Forschung zeigen, dass Menschen mit Grundeinkommen gefühlt mehr Stunden am Tag zur Verfügung haben. Und das, obwohl sich ihre Arbeitszeit ja gar nicht verändert hat. Wer weniger Druck verspürt, wer nicht ständig rechnen oder abwägen muss, hat mehr mentale Kapazität.
Was Menschen stark macht – und die Gesellschaft zukunftsfähig
Das alles zeigt: Wer nicht in permanenter Unsicherheit lebt, entwickelt Alternativen. Wer Handlungsspielräume bekommt, trifft andere Entscheidungen. Wer sich sicher fühlt, wird mutiger.
Autonomie ist dabei nicht bloß ein subjektives Empfinden – es ist eine konkrete Ressource. Eine Grundlage dafür, Verantwortung zu übernehmen, Pläne zu machen, widerstandsfähig mit Veränderungen umzugehen.
"Autonomie ist ein super zentraler Faktor, um eine Gesellschaft zukunftsfähig zu machen", sagt auch Susann Fiedler. "Weil man dadurch eigenständig Lösungen für Probleme finden kann und sich stärker in der eigenen Handlungskraft fühlt."
Vielleicht ist das Grundeinkommen also der Motivationscoach, den wir wirklich brauchen. Ganz ohne Bühne. Ganz ohne Trillerpfeife. Dafür mit Wirkung.
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