Warum hat Mein Grundeinkommen plötzlich ein Buch gegen Vorurteile, Falschinformationen und Stammtischparolen herausgegeben? Vorständin Kirsten berichtet im Interview von der Entstehung von Das stimmt so nicht!, was sie sich vom Projekt erhofft und warum es gerade zur richtigen Zeit kommt.
Kirsten: Ich glaube, wir kennen alle solche Situationen. Jemand behauptet etwas, und wir denken sofort: "Das stimmt so nicht." Und obwohl wir widersprechen wollen, fehlen uns oft die Fakten, die Argumente oder einfach die richtigen Worte. Und am Ende hatten wir entweder ein schlechtes, vielleicht aus der Unsicherheit heraus eher schädliches Gespräch – oder eben gar keines. Weil wir die Behauptung einfach unwidersprochen gelassen haben.
Eine unserer Partnerorganisationen, der Volksverpetzer, hat vor längerer Zeit eine kleine Broschüre herausgebracht: "10 Fakten gegen rechte Mythen". Eine tolle Idee, wie wir fanden – und so praktisch. Bei einem Team-Mittagessen haben wir dann ein bisschen davon geträumt, wie hilfreich es wäre, so etwas auch für weitere Themenbereiche zu haben. Das war die Geburtsstunde von Das stimmt so nicht!.
Bestimmte Erzählungen halten sich erstaunlich hartnäckig. Irgendwann haben wir gemerkt: Es reicht nicht, dass die Fakten existieren, oder dass Menschen sie kennen – sie müssen sie auch gut anwenden können.
Kirstenüber die Grenzen von Fakten
Denn seit einiger Zeit setzen sich "gefühlte Wahrheiten" immer häufiger durch. Und dagegen wollten wir unbedingt etwas unternehmen. Sätze wie "Mit einem Grundeinkommen würde niemand mehr arbeiten gehen" begegnen uns bei Mein Grundeinkommen natürlich schon lange. Das Interessante ist aber: Gerade bei diesem Thema wissen wir inzwischen ziemlich viel. Mit dem Pilotprojekt Grundeinkommen konnten wir zeigen, dass die Menschen auch mit Grundeinkommen weiterhin arbeiten – und sogar zufriedener und gesünder leben.
Trotzdem halten sich bestimmte Erzählungen erstaunlich hartnäckig. Irgendwann haben wir gemerkt: Es reicht nicht, dass die Fakten existieren, oder dass Menschen sie kennen – sie müssen sie auch gut anwenden können.
Gleichzeitig haben wir von anderen zivilgesellschaftlichen Akteur*innen gehört, dass sie vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Ob Klima, Geschlechtergerechtigkeit oder Antirassismus – immer kursieren vereinfachte Erzählungen und Mythen, die sich oft viel schneller und nachhaltiger verbreiten als Fakten.
Warum ist das Projekt gerade jetzt wichtig?
Kirsten: Wir erleben gerade, dass gesellschaftliche Debatten härter werden. Viele Menschen ziehen sich zurück, weil Diskussionen anstrengend und belastend geworden sind, oder weil sie Sorge haben, etwas Falsches zu sagen.
Dabei brauchen wir eigentlich das Gegenteil: mehr Gespräch, mehr Widerspruch, mehr Menschen, die für das einstehen, was sie wissen und für richtig halten. Wir dürfen uns nicht hinter dem Gefühl verstecken, auf der richtigen Seite zu stehen. Wenn Vorurteile, Falschinformationen oder Vereinfachungen im Raum stehen, ist es wichtig, ihnen etwas entgegenzusetzen. Mit Das stimmt so nicht! möchten wir genau dabei helfen.
Oft fehlen im entscheidenden Moment einfach Selbstbewusstsein und Sicherheit. Genau da setzt das Buch an: Es soll Menschen ermutigen und befähigen, schwierige Gespräche überhaupt zu führen.
Kirstenüber den Anspruch des Buchs
Aber bringt das mit den Fakten denn überhaupt etwas?
Kirsten: Wir teilen die Beobachtung, dass Menschen ihre Meinung selten allein aufgrund von Fakten ändern. Deshalb verstehen wir das Buch auch nicht als reine Sammlung von Zahlen und Gegenargumenten, sondern als Werkzeug für Gespräche.
Unser Ausgangspunkt war die Frage: Was hilft Menschen in Situationen, in denen sie einer Falschbehauptung oder menschenverachtenden Aussage begegnen und nicht sprachlos bleiben möchten? Oft fehlen im entscheidenden Moment einfach Selbstbewusstsein und Sicherheit.
Genau da setzt das Buch an: Es soll Menschen ermutigen und befähigen, schwierige Gespräche überhaupt zu führen. Nicht um Diskussionen zu "gewinnen", sondern um Sprachlosigkeit zu überwinden und so demokratiefeindlichen oder menschenverachtenden Aussagen etwas entgegensetzen zu können.
Dabei geht es nicht nur um Fakten. Es geht auch um die Haltung, mit der wir solche Gespräche führen. Das Buch möchte dazu ermutigen, neugierig zu bleiben, das Gegenüber ernst zu nehmen und trotzdem klar zu widersprechen, wenn etwas nicht stimmt. Denn oft entscheidet nicht nur das bessere Argument darüber, ob ein Gespräch gelingt, sondern auch die Art, wie wir es führen.
Kennst du schon unsere Verlosung?
Das stimmt so nicht! ist ein Projekt von Mein Grundeinkommen. Seit über zehn Jahren verlosen wir Bedingungslose Grundeinkommen und erforschen, wie finanzielle Sicherheit das Leben von Menschen verändert. Vielleicht möchtest du selbst mitmachen:
Warum machen wir das gemeinsam mit anderen Organisationen?
Kirsten: Weil die Herausforderungen, über die wir sprechen, miteinander in Verbindung stehen.
Als Organisation setzen wir uns für das Grundeinkommen ein. Dahinter steht aber eine größere Frage: Wie schaffen wir eine bessere, gesündere, (finanziell) gerechtere Gesellschaft? Mit dieser Frage beschäftigen sich auch viele andere zivilgesellschaftliche Organisationen – aus unterschiedlichen Perspektiven.
Bei Mein Grundeinkommen haben wir schon immer versucht, Räume für Austausch zu schaffen, etwa auf unserer Verlosungsbühne oder beim Kongress der Gesellschaft. Bei Das stimmt so nicht! war schnell klar: Dieses Projekt wird stärker, wenn die Perspektiven vieler Expert*innen zusammenkommen. Dass wir dieses Wissen nun bündeln, ist kein Selbstzweck. Es ist eine Einladung, sich nicht vereinzeln zu lassen.
Gab es einen Moment, der dich überrascht hat?
Kirsten: Zum einen war es für uns toll, zu sehen, wie offen die Resonanz bei unseren Partnerorganisationen war. Wir hatten das Gefühl, eigentlich offene Türen einzurennen. Der Bedarf war offensichtlich nicht nur bei uns vorhanden.
Zum anderen war das auch bei den Menschen da draußen so. Die ersten Exemplare waren unglaublich schnell vergriffen. Das hat uns gezeigt: Es gibt ein echtes Bedürfnis nach gesammelten Fakten und nach einem Werkzeug, das im Alltag hilft.
Vielleicht kann das Projekt dazu beitragen, einen Muskel zu trainieren, den unsere Gesellschaft dringend braucht: den Muskel der respektvollen Auseinandersetzung.
Kirstenüber die Macht der Auseinandersetzung
Warum lohnt es sich, diese oft anstrengenden Dialoge zu suchen?
Kirsten: Weil die Alternative schlechter – und noch anstrengender – ist. Wenn wir schwierige Gespräche dauerhaft vermeiden, werden die Gräben immer größer. Gleichzeitig machen viele Menschen die Erfahrung, dass Diskussionen leichter werden, je öfter man sie führt.
Und oft lernt man dabei auch etwas über sich selbst – über die eigenen Argumente, die eigenen Unsicherheiten und über die Menschen, mit denen man spricht. Dialog bedeutet nicht, dass man sich immer einig wird. Aber er schafft die Möglichkeit, einander überhaupt noch zu hören.
Wenn nur ein Teil der Leser*innen nach der Lektüre das nächste schwierige Gespräch nicht mehr scheut, sondern sagt: "Moment, das stimmt so nicht", dann haben wir schon viel erreicht.
Vielleicht kann das Projekt dazu beitragen, einen Muskel zu trainieren, den unsere Gesellschaft dringend braucht: den Muskel der respektvollen Auseinandersetzung. Je öfter wir ihn benutzen, desto leichter wird es, miteinander im Gespräch zu bleiben.
Jetzt bist du dran: Wann hat dir zuletzt in einer Diskussion die passende Antwort gefehlt? Schreib uns unten in die Kommentare, welche Situation dir sofort einfällt.
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